NŸrtinger Zeitung Wendlinger Zeitung N†RTINGEN UND SEIN UMLAND Mittwoch, 18. Juni 2003 Das Robert-Reiner-RŠtsel ist jetzt gelšst Ein interessanter Vortrag im Stadtmuseum Ÿber den Lebensweg eines NŸrtinger WohltŠters Guter Besuch im Stadtmuseum Dr. h. c. Robert Reiner. Foto: nz-Archiv N†RTINGEN. Vom TellerwŠscher zum Mil-lionŠr! es war nicht ganz so, aber auch nicht weit davon entfernt. Als Robert Reiner 1903 nach Amerika auswanderte, war sein GepŠck klein, aber der Kopf voller opti-mistischer Ideen. Der Erfolg blieb nicht aus, und er lie§ seine Heimatstadt an seinem Er-folg teilhaben. Er ist sogar als WohltŠter in die Geschichte der Stadt NŸrtingen einge-gangen. Die Kommune hat es jŸngst ge-dankt, indem sie eine Stra§e nach Robert Reiner benannte. G†NTER SCHMITT In einem am Montag im Stadtmuseum ge-haltenen Vortrag wurde der Lebensweg von Robert Reiner nachgezeichnet. Vor allem Sigrid Emmert vom Vorstand des Heimat-bundes und Stadtrat Michael Weber konn-ten die Ergebnisse Ÿberaus grŸndlicher und zeitaufwendiger Recherchen ausbreiten. Hans Peter BŸhler und Achim Maier trugen durch den Vortrag von Originaltexten eben-falls zum Gelingen des gut besuchten Abends bei. Robert Reiner wurde 1880 als fŸnftes Kind des Hutmachers Karl Reiner geboren. Das Haus, in dem er zur Welt kam, steht heute nicht mehr. Es befand sich zwei HŠu-ser neben dem Rathaus in Richtung Stadt-kirche. Nach dem Besuch der Seminarschu-le trat er bei den Gebr. Heller eine Lehre an. Als 18-JŠhriger verlie§ er NŸrtingen und gewann zusŠtzliche Einblicke in einer Strickwarenfabrik in der Schweiz, damals das fortgeschrittenste Land in der Textil-erzeugung. Nach dem MilitŠrdienst in Lindau nahm er eine Arbeit in einer Maschinenfabrik in Plauen an. Im Auftrag dieser Firma ging er als Monteur nach Amerika. Sofort erkannte er die Mšglichkeiten, die der riesige ame-rikanische Markt bot. Er lie§ sich von der Maschinenfabrik in Plauen das Alleinver-tretungsrecht fŸr die USA Ÿbertragen und blieb ab 1903 in der Neuen Welt. Als er im Verlauf des Ersten Weltkrieges von seinem deutschen Lieferanten abge- schnitten wurde, tat er den entscheidenden Schritt: Er entschloss sich, die bisher bezo-genen Maschinen selbst zu bauen. Der Er-folg gab ihm recht. Bald stand in Weehaw-ken, einer Gemeinde, die nur durch den Hudson von den Wolkenkratzern Manhat-tans getrennt ist, ein stolzes FabrikgebŠude. In ihren Spitzenzeiten beschŠftigte die Ro-bert Reiner Corporation 200 Mitarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte, wie in NŸrtingen, auch in den USA der Nieder-gang der Textilindustrie ein. Die Produkti-on wurde eingestellt und das FabrikgebŠu-de verkauft. Heute werden in den Hallen, dem Lebenswerk Reiners, Kulissen fŸr Film und Fernsehen zusammengebaut. †ber den Grund fŸr Reiners Auswande-rung ist in NŸrtingen viel gemunkelt wor-den. Angeblich gab es einen dunklen Fleck in der Vita des gro§en WohltŠters der Stadt. Ein GerŸcht lief sogar darauf hinaus, dass er beim Gewehrputzen einen Freund getštet und, noch ehe die Polizei kam, sich auf den Weg nach Amerika gemacht habe. Sigrid Emmert ging der Sache nach. Tat-sŠchlich hie§ es im Totenbuch von 1903, ein lediger Monteur sei durch Unfall ums Leben gekommen. Aber der Fall erwies sich als fal-sche Spur. Der junge Mann war beim Holz-abladen ums Leben gekommen. Bei diesem Punkt konnte Stadtarchivar Reinhard Tiet-zen weiterhelfen. Im Stadtarchiv befindet sich ein aufschlussreicher Briefwechsel zwischen dem Stadtschulthei§en und Ro-bert Reiner aus dem Jahre 1909. Den Schreiben ist zu entnehmen, dass sich Robert Reiner nach seiner Dienstzeit als Soldat nicht ordnungsgemЧ abgemel-det hatte und deshalb fŸr die vorgeschriebe-nen ReserveŸbungen nicht zur VerfŸgung stand. Die zweite Division mit Sitz in Augs-burg kreidete ihm das als Fahnenflucht an. Robert Reiner, inzwischen amerikanischer StaatsbŸrger, nahm sich einen Anwalt und konnte die Sache beilegen. Jetzt stand einer Zusammenarbeit mit dem Rathaus nichts mehr im Wege. Seine Gro§zŸgigkeit und Freigiebigkeit machte ihn rasch zu einer NŸrtinger Grš§e. Schon 1912 lie§ er auf dem -Wasen , links vom Neckar unterhalb der StadtbrŸcke, den Musikpavillon errichten, den die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigen lie§. In den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg sorgte er nicht nur dafŸr, dass beim Maientag die Buben und MŠdchen nicht auf die traditionellen Gaben verzich-ten mussten, er rief in den USA auch zu Spenden auf und sorgte persšnlich dafŸr, dass PŠckchen mit Lebensmitteln nach NŸrtingen geschickt wurden. Die 100 000 Mark, die er fŸr den Bau eines Freibades Ÿberweisen lie§, lšsten sich durch die Kriegsereignisse und die Inflation in Luft auf. Bei den Glocken der Stadt-kirche, die bis auf eine 1942 zum Ein-schmelzen abgeholt wurden, sorgte Robert Reiner dafŸr, dass schon 1948 wieder ein volles GelŠut zur VerfŸgung stand. Er half, wo er helfen konnte. Schon wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hatte er sich in Heidelberg, der Heimat seiner ersten Frau, eine stolze Villa bauen lassen, wo er wohnte, wenn er nach Deutschland kam. Nicht weniger als 74 Mal soll er NŸrtingen besucht haben. 1949 ernannte ihn die Stadt zu ihrem Eh-renbŸrger, und die Verleihung des Bundes-verdienstkreuzes lie§ nicht lange auf sich warten. Hohe €mter bekleidete er auch in seiner neuen Heimat. So war er, um nur zwei Beispiele zu nennen, Vorsitzender des Verbandes der Textilindustrie und PrŠsi-dent der Deutsch-Amerikanischen Han-delskammer, in welcher Eigenschaft er auch Bundeskanzler Erhard zu einer Festi-vitŠt begrŸ§en konnte. Nicht zuletzt verlieh ihm die UniversitŠt Heidelberg, der er ebenfalls mancherlei Un-terstŸtzungen zukommen lie§, die Ehren-doktorwŸrde. Nach einem reichen Leben starb Robert Reiner am 22. August 1960 im Alter von 80 Jahren. Was von all seinen Anstrengungen ge-blieben ist? Der gro§e Reichtum ist dahin. Seine Nachkommen leben heute weit ver-streut in den Vereinigten Staaten, finden sich aber zu regelmЧigen Treffen zusam-men. Die Verbindungen zu NŸrtingen sind nicht abgerissen. Beim letzten Maientag lie-fen, trotz stršmenden Regens, acht Mitglie-der der Familie im Festzug mit. Sie fšrdern die Anschaffung der Stadtkirchenorgel und wollen zu deren Einweihung erneut nach NŸrtingen kommen. Stadtrat Michael Weber hat schon mehr-fach Mitglieder der Familie in Amerika be-sucht. Das Kapitel Robert Reiner ist noch nicht abgeschlossen. So hat sich ein Fšrder-kreis gebildet mit dem Ziel, im Bereich des Galgenbergs einen neuen Musikpavillon zu errichten. Er soll auch an den gro§mŸtigen Amerikaner aus NŸrtingen erinnern. Heimatbund-Vorsitzender Dieter Metz-ger dankte zum Ausklang des kurzweiligen Abends den AusfŸhrenden fŸr ihre An-strengungen, ein StŸck Stadtgeschichte, das mehr als eine Fu§note ist, im GedŠcht-nis zu erhalten.